Es war einmal ein Bub ohne Vater und Mutter, der allein im Wald lebte. Wovon er gelebt hat, werdet ihr fragen. Nun, das ist eine lange Geschichte.

Als der Vater und die Mutter gestorben waren, konnte der kleine Juan gerade laufen, aber er hätte sich noch nicht die Hose zumachen können. Doch hat sich da ganz plötzlich ein Kater eingefunden, der den kleinen Buschen wie einen Herrn bedient hat. Er hat für ihn gekocht, hat für ihn Kleider genäht, kurz: alles besorgt, was sein Herr und das Haus gebraucht haben.

Als der Bursche grösser geworden war, hat der Kater ihn auch belehrt und er hat ihm nicht nur gezeigt, wie man den Garten bestellt und wie man Wild fängt, sondern er hat ihm sogar ein wenig Lesen und Schreiben beigebracht.

Nun lebten in jener Gegend Räuber, welche reiche Kaufleute entweder überfallen und ausgeraubt oder von ihnen einen Schutzzoll kassiert haben. Diese Räuber lebten in einer Höhle, die gut verschlossen war.

Aber der Kater war schlau, er lauerte den Räubern auf und achtete darauf, wo sie den Schlüssel hingelegt hatten, wenn sie die Höhle verliessen. Und sobald die Räuber weggegangen waren, hat er den Schlüssel genommen, die Höhle aufgesperrt und ist hineingegangen. Und unter den vielen Schätzen, welche die Räuber aufgehäuft hatten, ist ihm eine goldene Halskette besonders aufgefallen. Da hat der Kater die Kette schnell genommen, ist aus der Höhle wieder hinaus und hat sie zugesperrt und den Schlüssel dort versteckt, wo ihn die Räuber immer hingelegt haben.

Bei Juan angekommen, hat er gesagt: "Schau einmal, was für eine schöne goldene Kette!" - "Wo hast du sie her?", hat sein Herr ihn gefragt. "Ich habe sie auf dem Weg gefunden." - "Die dürfen wir aber nicht behalten", hat Juan gesagt, "weil sie uns nicht gehört." - "Ja, aber", hat der Kater gesagt, "wie sollen wir denn wissen, wer der rechtmässige Besitzer ist? Was man auf dem Weg trifft, gehört immer dem, der's findet." - "Nein", hat Juan gesagt, "wir wollen das dem König bringen, dem unser Land gehört." - "Gut, wenn du meinst."

Der Kater aber, was macht er? Er läuft zum König und sagt: "Mein Herr, der Graf Juan erlaubt sich, euch diese goldene Kette zum Geschenk zu senden." Der König war ebenso erfreut wie erstaunt über dieses kostbare Geschenk und er hat den Kater mit der Weisung entlassen, er danke dem Grafen vielmals für seine Freigebigkeit.

Der Kater aber ist wieder zu der Räuberhöhle gelaufen und hat gewartet, bis die Bande zu einem Raubzug ausgezogen ist. Dann hat er den Schlüssel aus dem Versteck geholt, die Höhle aufgesperrt und ist hineingegangen. Und unter den vielen Schätzen hat ihm vor allem ein Ring mit einem Smaragd gut gefallen. Den hat er genommen, die Höhle zugesperrt und den Schlüssel wieder versteckt.

Daheim hat er zu seinem Herrn gesagt: "Schau einmal, was für ein schöner Ring!" - "Wo hast du ihn her?", hat Juan gefragt. "Ich habe ihn auf dem Wege gefunden", hat der Kater geantwortet. "Dann nimm ihn", sagt Juan, "und trage auch den Ring zum König, denn er gehört uns nicht und wir werden kaum erfahren können, wem er gehört hat."

Der Kater hat also den Ring mit dem Smaragd wieder zum König gebracht und gesagt: "Mein Herr, der Graf Juan, erlaubt sich, euch diesen Smaragd-Ring zum Geschenk zu machen." - "Sag einmal", meint der König, "dein Herr ist wohl sehr reich, dass er solche Gaben verschenken kann?" Der Kater tut, als müsse er nachdenken, hat sich hinterm Ohr gekratzt und meint: "Man bräuchte wohl ein halbes Jahr, um alles Geld zu zählen." - "Ei verflucht!", ruft der König aus, "ich hätte nicht gedacht, dass es in unserm Lande so reiche Leute gibt, und dass sie sich derlei leisten können. Ich könnte das nicht." Das Katerchen aber hat sich verabschiedet und ist wieder heimgelaufen.

An einem andern Tage hat sich der Kater wieder vor der Höhle auf die Lauer gelegt, hat gewartet, bis die Bande ausgezogen war, hat wieder den Schlüssel aus dem Versteck geholt, hat die Höhle aufgesperrt und ist hineingegangen. Dort hat er einen goldenen und mit Edelsteinen verzierten Becher gesehen. Den hat er genommen, die Höhle wieder zugesperrt, den Schlüssel versteckt und ist heimgelaufen.

Daheim hat er zu seinem Herrn gesagt: "Schau einmal, was für ein schöner Becher!" - "Wo hast du den wieder her?" - "Ich habe ihn auf dem Wege gefunden." - "Du hast aber ein grosses Glück! Das ist wirklich ein schöner Becher!" - "Du könntest so einen zum Trinken brauchen", hat der Kater gemeint. "Nein", sagt der Bursche, "was fällt dir ein? Er gehört mir nicht. Geh und trage ihn dorthin, wohin du auch die andern Dinge getragen hast: zum König." - "Wie du willst", sagt der Kater.

Der Kater hat den Becher genommen, ist zum König gegangen und hat gesagt: "Mein Herr, der Graf Juan, erlaubt sich, euch diesen Becher zum Geschenk zu machen." - "Ei verflucht!", hat der König ausgerufen, "das ist ein kostbares Stück! Was muss dein Herr für ein Reicher sein, dass er es sich leisten kann, derartige Geschenke zu machen!" - "Nun ja", erwidert das Katzerchen, "wem der Himmel beisteht, dem wachsen auf den Bäumen goldene Früchte." - "Du da", sagt der König, "und wie steht es: ist dein Graf verheiratet? Hat er Kinder?" - "Nein, mein Herr ist ein junges hübsches Herrchen, noch ledig." - "Hm hm", macht der König, "ich hätte da eine junge und schöne Tochter. Was meinst du: ob sich das nicht arrangieren liesse?" - "Gut", sagt der Kater, "ich will einmal mit meinem Herrn reden. Warum auch nicht? Wo fände er sonst schon gleich eine passende und gute Frau?"

Der Kater ist also zu seinem Herrn heimgelaufen: "Du, der König lässt dich fragen, ob du nicht seine Tochter heiraten willst? Sie ist jung und hübsch! Ich habe sie selber gesehen." - "Bist du verrückt?", sagt Juan, "die Tochter des Königs und ich? Und wovon sollen wir leben, he?" - "Da lass nur mich machen!", sagt der Kater, "wem der Himmel wohl will, dem regnet es Dukaten in den Suppentopf."

Nun aber waren die Räuber wieder einmal von einem Raubzug heimgekehrt, und als sie ihre Beute musterten, sahen sie, dass da einiges fehlt. Und genauer: es fehlt die kostbare Kette, es fehlt der Ring mit dem Smaragd, und es fehlt vor allem der wertvolle Becher. Da hat ihr Hauptmann gesagt: "Brüder, unter uns ist ein Lump, ein heimlicher Dieb. Der Kerl soll ein Loch in den Leib bekommen, wo es ihm die Natur nicht gegeben hat!" Da sagt einer von der Bande, der den Hauptmann noch nie hat leiden können: "Brüder, ich frage euch: wer von uns ist neulich noch einmal in die Höhle zurückgekehrt, als wir schon unterwegs gewesen sind? War das nicht der Hauptmann?" - "Du Bestie", hat der Hauptmann geschrien, "dir werde ich gleich zeigen, wer andere verdächtigen kann."

Kurz und gut, es ist ein Streit ausgebrochen, und die Räuber haben alle aufeinander eingestochen, eingehauen und geschossen, bis auch der letzte als Toter dort lag.

Da ist der Kater hingegangen, hat von dem Gold soviel genommen, wie nötig war, um in einer andern Gegend ein Schloss zu kaufen, dessen Besitzer gerade gestorben war. In dieses Schloss hat er den andern Teil des Schatzes getragen, und dann hat er seinen Herrn gerufen und gesagt: "Wie ich herausgebracht habe, ist ein altes Onkelchen von dir gestorben. Du bist der einzige Erbe und kannst in Zukunft in seinem Schloss wohnen." - "Ist das auch wahr?", hat Juan gefragt. "Komm mit und schau es dir an!"

Als Juan in das Schloss umgezogen war, hat der Kater gemeint: "Nun, was sagst du? Ist die Sache jetzt nicht anders? Also: willst du nicht doch die Tochter des Königs heiraten?" - "Ja, wenn du es sagst, so soll es sein."

Der Kater ist zum König gelaufen und hat gesagt: "Mein Herr, der Graf Juan, lädt euch und eure Tochter ein, sein Schloss zu besuchen. Und wenn es allen recht ist, wird er gern eure Tochter heiraten."

Da war der König sehr vergnügt, und bald darauf hat man die Hochzeit vorbereitet und drei Tage hindurch grosse Feste gefeiert. Am Abend des dritten Tages aber hat der Kater seinen Herrn beiseite gerufen und gesagt: "Mein Juan, ich bin dein Schutzengel, der dich liebt und der dich armen Waisen hat glücklich machen wollen. Bleib so ehrlich wie bisher! Ich muss dich jetzt verlassen: auf Wiedersehen im Himmel."